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Mosaik Camp4

Geschichte

Unser Wohngebiet erstreckt sich zum überwiegenden Teil auf dem Gebiet der ehemaligen Stralauer Vorstadt. Nur einige wenige Gebäude am westlichen und nördlichen Rand liegen auf dem Territorium der früheren Königsstadt und damit auf der historischen Stadtfläche Berlins.

Die Stralauer Vorstadt entstand Ende des 17. Jahrhunderts, zunächst vor den Toren der Berliner Stadtmauer. Mit dem Bau der Berliner Zollmauer (Akzisemauer) im 18. Jahrhundert, die ungefähr entlang der heutigen Friedenstraße über die Marchlewskistraße bis zur Warschauer Straße verlief, wurde aus der einstigen Vorstadt Berliner Stadtgebiet.[1]

Als einer der traditionsreichen Industrie- und Arbeiterbezirke, die mit der Entwicklung Berlins zur Industriemetropole im 19. Jahrhundert entstanden, entwickelte sich auch die Stralauer Vorstadt zu einem der für Berlin typischen Gründerzeitgebiete mit dichter Mietshausbebauung.

Aufgrund der flächendeckenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet der ehemaligen Stralauer Vorstadt im Rahmen des sozialistischen Wiederaufbaus fast komplett neu bebaut. Dabei wurde auch das historische Straßenraster durch eine neue städtebauliche Struktur ersetzt.[2] Entlang des ehemaligen „Hauses der Gesundheit“, einem der wenigen Gebäude der Vorkriegszeit, lässt sich noch die Einmündung der früher zum Alexanderplatz führenden Landsberger Allee erahnen. Südlich der Karl-Marx-Allee folgt die Magazinstraße zwischen Schillingstraße und Alexanderstraße noch dem historischen Verlauf.

Die heutige Karl-Marx-Allee verdeutlicht in ihrer gesamten Länge (und darüber hinaus) in eindrucksvoller Weise die Entwicklungsetappen sozialistischen Städtebaus. Sie führte als mittelalterliche Handelsstraße – seit 1701 als „Frankfurter Linden“ bezeichnet – durch die Stralauer Vorstadt nach Frankfurt/Oder. Entlang des von fast völliger Kriegszerstörung geprägten Straßenzugs entstand nach Umbenennung in Stalinallee (seit 1961 dann Karl-Marx-Allee) von 1952 bis 1958 der erste Bauabschnitt einer Neubebauung. Er erstreckt sich zwischen Strausberger Platz und Proskauer Straße und entstand als erste sozialistische Straße, noch in handwerklicher Bauweise im Architekturstil der „Nationalen Tradition”.[3] Durch ihre Architektursprache mit zahlreichen Gestaltungsdetails, aber vor allem durch die Verbreiterung der Straße auf 90 Meter entstand ein repräsentativer Boulevard mit markanten Torsituationen, Platzräumen, vielgeschossigen Wohngebäuden sowie reich gestalteten und bepflanzten Freiräumen. Läden, Kultur- und Gastronomieeinrichtungen sind teils in den Erdgeschosszonen, teils in vorgelagerten Pavillonbauten untergebracht. Die Stalinallee mit ihrer repräsentativen Straßenbebauung jedoch ohne städtebauliches Hinterland war zwar ein Anfang, bot jedoch noch keine Antwort auf die neue Aufgabe der Planung städtischer Wohngebiete.[4] Dies sollte mit der Planung des zweiten Bauabschnittes – zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz – geschehen.

Das Wohngebiet Karl-Marx-Allee, II. Bauabschnitt, ist in räumlicher und zeitlicher Zuordnung zugleich Teil der Aufbauplanung des Berliner Zentrums und sieht für dessen besonders stark zerstörtes östliches Areal die Errichtung eines „sozialistischen Wohnkomplexes“ als zentraler Aufgabe sozialistischen Städtebaus vor. Sowohl städtebauliche Form und baukünstlerische Gestaltung, aber vor allem der Übergang zu einheitlicher industrieller Bauweise und Bautechnologie verdeutlichen den Paradigmenwechsel gegenüber der Bebauung im ersten Bauabschnitt. Ein erster Vorschlag für die Bebauung wurde 1957 von Hermann Henselmann, seit 1953 „Chefarchitekt von Groß-Berlin“, vorgelegt. Dem Ziel folgend, die Enge der Berliner Mietshausstadt durch Offenheit, räumliche Weite, Licht und Grün zu ersetzen, umfasst dessen Planung für das Wohngebiet ca. 4.600 Wohneinheiten für etwa 15.000 Einwohner gegenüber 40.000 Einwohnern, die vor der Zerstörung in dem Gebiet gelebt haben. Der Entwurf wird von acht Wohnhochhäusern entlang der Allee (beidseits jeweils vier) dominiert, womit weiterhin das Hauptgewicht auf der Gestaltung der Stalinallee liegt. „Die Wohnkomplexe liegen verdeckt hinter den acht Punkthochhäusern und den den Straßenraum fassenden Laubenganghäusern als Aneinanderreihung von Wohnhausscheiben, in die ohne erkennbare weitere Untergliederung die gesellschaftlichen Einrichtungen eingestreut sind.“[5] 

Nach Ablehnung dieses Entwurfs wurden 1958 neben Henselmann weitere Kollektive zur Ausarbeitung neuer Vorschläge aufgefordert. In der heute erlebbaren Gestalt wurde der zweite Bauabschnitt in der Zeit von 1959 und 1965 nach städtebaulichen Plänen der Kollektive Edmund Collein und Werner Dutschke mit Hochbauten des Kollektivs Josef Kaiser errichtet.[6] Die Freiflächengestaltung entwarfen Hubert Matthes und Eberhard Horn.

Wenn auch in einem völlig anderen Architekturstil errichtet, wurden noch einige städtebauliche Elemente des ersten Bauabschnittes übernommen. Durch das Zurücksetzen der Wohngebäude wurde der Straßenraum zwar nochmals verbreitert, von 90 auf 125 Meter, durch die vorgezogenen Ladenpavillons, das Kino International sowie das Café Moskau bleibt die Straßenflucht indes auch hier erkennbar. Während sich der erste Bauabschnitt jedoch voll linear und axial auf die Karl-Marx-Allee hin ausrichtet, erhält der ca. 700 Meter lange Straßenzug des zweiten Bauabschnitts mit der Unterbrechung der Schillingstraße eine Querachse und somit eine asymmetrische Raumbildung, die sich zudem seitlich ausweitet. Die Magistrale ist hier nicht mehr nur beidseitig bebaut, sondern als ganzer Wohnkomplex in die Tiefe des Gebiets hin gestaltet, der sich von den Hochhäusern an der Jannowitzbrücke bis zum heutigen Platz der Vereinten Nationen (ehemaliger Leninplatz) erstreckt.[7] Damit folgt die Bebauung des zweiten Bauabschnittes den „Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus“[8], die als programmatische Grundlage sozialistischen Bauens von 1950 im 10. Grundsatz die „Gliederung von Wohngebieten in Wohnbezirke, Wohnkomplexe und Häuserviertel“ fordern.

In Bauweise und Architektur grenzt sich das Gebiet stark vom ersten Bauabschnitt ab. Anders als der erste Bauabschnitt, der noch in traditioneller Bauweise entstand, wurde der zweite Bauabschnitt bereits in industrieller und typisierter Bauweise errichtet.

Das Gebiet ist durch freistehende Einzelgebäude geprägt, die als städtebauliche Gesamtkomposition im öffentlichen Raum mit weitläufigen Grünflächen zwischen den Gebäuden gestaltet worden sind. Markantes Gliederungselement ist hierbei eine durchgängige Höhendifferenzierung in fünf‑, acht- und zehngeschossige Bauten. Neben den strukturbestimmenden Wohngebäuden wurden weitere Gebäude für ergänzende, sogenannte „gesellschaftliche Nutzungen“ errichtet. Die markantesten Bauwerke sind das Restaurant Café Moskau (1961–1964), das Kino International (1961–1963), die „Mokka-Milch-Eisbar” (1961–1964) und das Hotel Berolina (1961–1964). Das wurde in den 1990er Jahren abgerissen und durch das Gebäude des Rathauses Mitte ersetzt. Zu dieser Gebäudegruppe gehören ebenso zweigeschossige Verkaufspavillons, die entlang der Karl-Marx-Allee errichtet worden sind.

Als Wohnkomplex mit mehr als 5.200 Wohnungen für insgesamt rund 16.100 Einwohner geplant und errichtet, dokumentiert er heute in eindrucksvoller Weise den Paradigmenwechsel im Städtebau der DDR von den „Nationalen Traditionen” zur „Moderne”. Mit der Realisierung des zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee begann 1962 zugleich der Wiederaufbau des Ost-Berliner Stadtzentrums.[9]

Der ursprüngliche Gebietscharakter einer offenen, aufgelockerten, großräumigen und durchgrünten Stadt ist trotz einiger Eingriffe in den letzten Jahren bis heute erhalten geblieben. Das gesamte Gebiet stellt in seiner erhaltenen städtebaulichen Einheit ein wichtiges Zeugnis der Städtebaukunst der DDR dar. Als bestimmender Stadtraum im Gebiet ist der Straßenraum der Karl-Marx-Allee als Ensemble denkmalgeschützt.[10]


1 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stralauer_Vorstadt

2 Vgl. ebenda

3 Vgl. Peter Güttler: Berlin-Brandenburg: Ein Architekturführer. Berlin: Ernst 1990, S. 115 ff

4 Vgl. Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1945–1989. München: Prestel 1989, S. 384 ff

5 Vgl. ebenda, S. 399

6 Vgl. Joachim Schulz, Werner Gräbner: Architekturführer DDR: Berlin. Berlin: Verl. für Bauwesen 1976, S. 54 ff

7 Vgl. Joachim Schulz, Werner Gräbner: Berlin: Architektur von Pankow bis Köpenick. Berlin: Verl. für Bauwesen 1987, S. 21

8 Vgl. LotharBolz: Von deutschem Bauen: Reden und Aufsätze. Berlin (Ost): Verl. der Nation 1951, S. 32–52

9 Vgl. https://www.stadtentwicklung.berlin.de

10 Vgl. ebenda